Neu Als „Kakerlaken“ bezeichnet, als Bewegung sichtbar: Indiens Jugend protestiert

„Kakerlaken“: Schon dieses Wort lässt mich an der Sprache hängen bleiben, bevor es um die politische Machtfrage geht. Wer Menschen mit Ungeziefer vergleicht, spricht ihnen in meinen Augen den Anspruch ab, als Gegenüber ernst genommen zu werden. Umso bemerkenswerter ist der Gegensatz, den die Meldung über Indien beschreibt: Die so bezeichneten jungen Menschen sind Teil einer breiten Bewegung gegen die Regierung geworden. Ein abwertendes Etikett macht ihre Anliegen nicht belanglos.

Indiens Jugend protestiert, die Regierung reagiert mit massiver Gewalt. Für mich liegt darin zunächst eine Frage des politischen Umgangs: Wie viel Raum bleibt für Widerspruch, wenn ihm Gewalt entgegengesetzt wird? Über einzelne Forderungen oder den Verlauf der Proteste geben die vorliegenden Angaben keinen Aufschluss. Gerade deshalb möchte ich die Lücken nicht mit vermeintlich passenden Erklärungen füllen. Was sich dennoch beurteilen lässt, ist der Maßstab: Protestierende verdienen es, als Menschen mit einer politischen Stimme wahrgenommen zu werden.

Natürlich drängt sich die Frage auf, ob diese Bewegung Premierminister Narendra Modi gefährlich werden könnte. Sie bleibt offen. Ich finde diese Ungewissheit wichtig, auch wenn eine eindeutige Antwort griffiger wäre. Eine breite Bewegung ist noch kein Beleg dafür, dass eine Regierung ihre Macht verliert. Umgekehrt wäre es ebenso voreilig, den Protest für wirkungslos zu erklären, solange sein weiterer Verlauf unklar ist.

Mich beschäftigt außerdem, wie schnell wir bei solchen Nachrichten auf die Spitze der Macht schauen. Wackelt der Regierungschef? Muss er nachgeben? Diese Fragen sind berechtigt. Mir wäre es aber zu wenig, junge Protestierende ausschließlich danach zu beurteilen, ob sie einen Premierminister unter Druck setzen können. Ihre politische Bedeutung sollte aus meiner Sicht auch daran gemessen werden, dass sie öffentlich widersprechen. Eine Community, die über solche Proteste diskutiert, kann diesen Blick bewusst offenhalten.

Deshalb möchte ich weder einen bevorstehenden Umbruch ausrufen noch die Bewegung kleinreden. Ich wünsche mir eine Debatte, die der beschriebenen Gewalt Gewicht gibt und zugleich Ungewissheit aushält. Der Ausdruck „Kakerlaken“ versucht sprachlich zu verkleinern; eine breite Protestbewegung fordert Aufmerksamkeit. Für mich ist das der entscheidende Gegensatz dieser Nachricht. Die Machtfrage bleibt offen. Unser eigener Umgang mit abwertender Sprache muss es nicht bleiben.

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