
Wem schenken wir unsere Aufmerksamkeit? Mich interessiert diese Frage gerade dort, wo Literatur unbequem wird. Renate Welsh schreibt über Menschen, die übersehen werden, über Ausgrenzung und Ungerechtigkeit. Das ist für mich eine Entscheidung mit Gewicht: Schwierige Lebenswege verdienen Raum, auch wenn sie sich nicht zu einer beruhigenden Botschaft zusammenfassen lassen. Eine Geschichte muss uns schließlich nicht versöhnen, um uns etwas zu geben.
Die Bezeichnung „Geschichten-Schenkerin“ klingt zunächst weich, beinahe gemütlich. Dabei steckt in den beschriebenen Themen einiges, das wehtun kann. Ich finde diesen Gegensatz reizvoll. Ein literarisches Geschenk kann auch eine Zumutung sein: die Aufforderung, länger hinzusehen, ein vorschnelles Urteil auszuhalten oder die eigene Vorstellung von Gerechtigkeit zu prüfen. Gerade darin liegt für mich ein besonderer Wert des Erzählens.
Welsh nutzt die Kraft der Sprache weiterhin meisterhaft, trotz eines Schlaganfalls. Dieser Umstand verdient Beachtung. Ich möchte ihr Schreiben allerdings nicht allein durch die Brille dieser gesundheitlichen Erfahrung betrachten. Im Mittelpunkt stehen für mich ebenso die Menschen, von deren schwierigen Wegen sie erzählt. Wer ausschließlich die Widerstandskraft der Autorin bewundert, könnte ausgerechnet jene wieder aus dem Blick verlieren, denen ihre literarische Aufmerksamkeit gilt.
Für eine Community steckt darin eine Frage, die über Bücher hinausreicht: Welche Geschichten bekommen bei uns Platz? Ich wünsche mir einen Austausch, in dem auch Widersprüche und Unfertiges stehen bleiben dürfen. Niemand sollte erst eine beeindruckende Wendung oder ein glückliches Ende vorweisen müssen, damit sein Lebensweg interessant erscheint. Gerade beim Thema Ungerechtigkeit wäre mir ein ehrliches Unbehagen lieber als eine allzu schnelle Aufmunterung.
An Welshs literarischem Anliegen überzeugt mich deshalb vor allem die Richtung ihrer Aufmerksamkeit. Sie schreibt über Menschen, die übersehen werden. Darin sehe ich eine Einladung, den eigenen Blick zu überprüfen, ohne sich gleich für besonders aufmerksam zu halten. Vielleicht wäre das ein guter Anfang für unser nächstes Gespräch über Literatur: weniger danach zu fragen, ob uns eine Geschichte gefallen hat, und mehr danach, wem wir durch sie endlich Aufmerksamkeit schenken.