
Bei Antisemitismus möchte ich mich auf das eigene Unbehagen verlassen können: Auch dann, wenn der Anlass aus einem politischen Umfeld kommt, dem ich sonst zustimme. Jüdinnen und Juden in Deutschland werden immer häufiger angefeindet. Judenhass kommt dabei nicht allein von rechtsextremen Gruppen. Für mich folgt daraus eine unbequeme Verpflichtung: Die eigenen Sympathien dürfen nicht darüber entscheiden, wie deutlich wir einer antisemitischen Anfeindung widersprechen.
Der Hinweis auf unterschiedliche Ursprünge verlangt allerdings Genauigkeit. Er erlaubt weder, allen politischen Milieus dasselbe Ausmaß an Antisemitismus zuzuschreiben, noch, ganze Gruppen unter Verdacht zu stellen. Wie verbreitet Judenhass jeweils ist, lässt sich aus den vorliegenden Angaben nicht beziffern. Einen Wettbewerb darüber, auf welcher Seite die schlimmeren Schuldigen stehen, halte ich ohnehin für eine Sackgasse. Jede konkrete Anfeindung verdient eine Auseinandersetzung, die ohne den entlastenden Verweis auf andere auskommt.
Mich beschäftigt dabei die Versuchung, zuerst nach einer wohlwollenden Erklärung zu suchen, sobald die eigenen Überzeugungen berührt werden. Als persönliche Anforderung würde ich formulieren: dieselben Maßstäbe anlegen, auch wenn dadurch ein vertrautes Wir Risse bekommt. Zustimmung zu einem politischen Anliegen verpflichtet niemanden, jede Äußerung seiner Unterstützer zu verteidigen. Widerspruch kann gerade dort Gewicht haben, wo er die eigene Zugehörigkeit etwas unbequemer macht.
Für unsere Community wünsche ich mir außerdem, dass jüdische Menschen selbst bestimmen können, ob und wie sie sich an solchen Gesprächen beteiligen. Niemand sollte hier die Aufgabe bekommen, stellvertretend für alle Jüdinnen und Juden Auskunft zu geben oder die eigene Verletzung erst überzeugend vorzuführen. Zuhören wäre für mich eine grundlegende Form des Respekts. Ebenso gehört dazu, Menschen Raum für Themen zu lassen, die mit Antisemitismus überhaupt nichts zu tun haben.
Ein öffentlicher Kommentar gegen Judenhass ist schnell geschrieben. Anspruchsvoller erscheint mir die Haltung, die danach im Gespräch trägt: eine Anfeindung benennen, Ausflüchte hinterfragen, auch einem geschätzten Gegenüber widersprechen. Daran möchte ich die eigene Klarheit messen. Sie sollte gerade dann hörbar bleiben, wenn Zustimmung im Raum die bequemere Antwort wäre.
Quelle: Antisemitismus in Deutschland – Judenhass von allen Seiten