
Wie sähe ein überzeugender Lebenslauf für ein politisches Mandat aus? Ich würde darin gern Platz für Umwege, praktische Arbeit und Erfahrungen außerhalb der Universität sehen. In Regierungen und Parlamenten westlicher Demokratien sind Menschen mit Hochschulabschluss überproportional vertreten. Auch der Bundestag steht deshalb zur Debatte. Mich beschäftigt daran, welche Vorstellungen von Eignung wir mitbringen, wenn wir jemandem politische Verantwortung zutrauen.
Ein Studium darf selbstverständlich für Kenntnisse und Fähigkeiten stehen, die politisch hilfreich sein können. Nur würde ich daraus keinen allgemeinen Vorsprung beim Urteilen über das Zusammenleben ableiten. Wer wissenschaftlich arbeiten gelernt hat, kennt deshalb noch nicht jede Lebenswirklichkeit. Ebenso wenig macht ein fehlender Hochschulabschluss jemanden automatisch lebensnah. Beide Zuschreibungen wären mir zu bequem. Ich wünsche mir Abgeordnete, die etwas wissen und zugleich erkennen können, wo ihre Erfahrung endet.
Das demokratische Problem sehe ich in der Gefahr, dass bestimmte Perspektiven zu wenig Gewicht bekommen. Wenn akademische Lebenswege besonders stark vertreten sind, sollten wir genauer fragen, welche anderen Erfahrungen am Verhandlungstisch fehlen könnten. Dabei reicht mir die Aussicht auf gelegentliches Zuhören nicht. Menschen ohne Studium sollten selbst politische Prioritäten setzen, Vorschläge aushandeln und Verantwortung übernehmen können. Ihre Beteiligung wäre für mich ein eigener demokratischer Wert.
Eine Erklärung für die ungleiche Verteilung ist damit noch nicht gefunden. Mich würden die Maßstäbe interessieren, nach denen politische Eignung beurteilt wird: Wie viel zählt ein sicherer Auftritt? Welche Sprache gilt als kompetent? Welche beruflichen Erfahrungen werden anerkannt? Das sind Prüfaufträge, keine belegten Ursachen. Auch hier in der Community lohnt sich ein Blick auf die eigenen Reflexe: Wem würden wir spontan ein Mandat zutrauen, und was genau überzeugt uns an dieser Person?
Mein Wunsch wäre ein Bundestag, in dem verschiedene Bildungswege selbstverständlich nebeneinander Platz haben. Daraus muss weder Einigkeit entstehen noch die Pflicht, stets die eigene Berufsgruppe zu vertreten. Gerade unterschiedliche Überzeugungen unter Menschen mit ähnlichen Lebensläufen gehören für mich dazu. Bei der nächsten politischen Wortmeldung möchte ich deshalb auf das Argument achten und beobachten, welchen Bonus ich einem Titel gebe. Ein Abschluss darf Eindruck machen. Meine Zustimmung muss sich die Begründung verdienen.