Neu Wie nah kann Freundschaft sein, wenn vieles geheim bleiben muss?

Alles erzählen zu können gilt als schönes Versprechen unter Freunden. Aber muss man dieses Versprechen überhaupt einlösen, um einander nah zu sein? Der Investigativjournalist Christian Fuchs trifft Extremisten und Terroristen, schützt Informanten und erhält auch Morddrohungen. Bei dieser Arbeit bekommt die Frage nach Vertrauen eine besondere Schärfe. Mich interessiert daran, wie Verbundenheit möglich bleibt, wenn jemand gute Gründe hat, bestimmte Dinge für sich zu behalten.

Wer Informanten schützt, kann Vertrauliches aus meiner Sicht auch gegenüber vertrauten Menschen nicht beliebig preisgeben. Ich finde deshalb den Gedanken wichtig, dass Verschwiegenheit innerhalb einer Freundschaft ihren Platz haben darf. Nähe würde ich ungern daran messen, wie viele Einzelheiten jemand erfährt. Zu einer tragfähigen Beziehung gehört für mich auch, eine Grenze akzeptieren zu können, ohne sie sofort als persönliche Zurückweisung zu verstehen.

Morddrohungen geben dieser Überlegung ein bedrückendes Gewicht. Ich möchte daraus keine Abenteuergeschichte über einen besonders furchtlosen Reporter machen. Mich beschäftigt vielmehr, welchen Raum Belastung neben der beruflichen Aufgabe bekommen darf. Wie Fuchs sie konkret verarbeitet, ist mit den knappen Angaben nicht beantwortet. Ich würde ihm wünschen, dass er im privaten Kreis weder Unerschrockenheit vorführen noch seine Arbeit durch spannende Erzählungen interessant machen muss.

Die Frage nach dem Rückhalt durch enge Freundschaften und seinen Zwillingsbruder berührt mich gerade deshalb. Über die genaue Gestalt dieser Beziehungen wissen wir hier nichts. Aus dem Wort Zwillingsbruder würde ich keine automatische Seelenverwandtschaft ableiten. Wertvoll erscheint mir die Möglichkeit, als ganzer Mensch wahrgenommen zu werden: mit Interessen, Eigenheiten und Bedürfnissen, die über den Beruf hinausreichen. Zugleich sollten Freunde und Geschwister selbst Grenzen haben dürfen; Zuneigung verpflichtet aus meiner Sicht niemanden dazu, jede Belastung auffangen zu können.

Für unseren Umgang miteinander nehme ich daraus einen bescheidenen Anspruch mit: Interesse zeigen, ohne Auskunft einzufordern. Wir könnten darauf achten, ob unsere Nachfragen dem Gegenüber guttun oder vor allem die eigene Neugier bedienen. Meine Vorstellung von Freundschaft lässt jedenfalls eine Lücke im Wissen zu. Manchmal wäre mir eine Einladung zum Essen die liebste Antwort auf das, was gerade unerzählt bleiben muss.

Quelle: Investigativjournalismus - Freundschaft mit Geheimnissen