
Ein runder Geburtstag ist noch kein Grund zur Verbeugung. Vor 100 Jahren wurde Klaus Kinski geboren, geliebt und gehasst wie wenige. Doch welche Erinnerung wäre diesem Anlass angemessen? Für mich beginnt sie mit einer Entscheidung darüber, wessen Geschichte Gewicht bekommt. Wer heute über Kinski spricht, muss auch über die jahrelangen Vergewaltigungen seiner Tochter Pola sprechen. Ihr Erinnerungsbuch ließ den Mythos um ihren Vater zerbrechen.
Schon die Vorstellung vom gefallenen Mythos hat allerdings etwas, das mich stört: Sie rückt erneut den berühmten Mann ins Zentrum. Dann geht es um seinen verlorenen Glanz und die Enttäuschung derjenigen, die ihn bewundert haben. Polas erlittene Gewalt droht dabei zum Wendepunkt seiner öffentlichen Geschichte zu werden. Ich finde, ihre Stimme verdient Aufmerksamkeit aus eigenem Recht. Ihr Buch sollte mehr sein dürfen als die Erklärung dafür, weshalb man Kinski nun anders betrachtet.
Auch die Formel vom gleichermaßen geliebten und gehassten Menschen reicht mir hier nicht. Sie beschreibt gegensätzliche Reaktionen, kann aber die Verantwortung für Gewalt nicht fassen. Bei Geschmack und Bewunderung darf es unterschiedliche Urteile geben. Jahrelange Vergewaltigungen gehören auf eine andere Ebene. Ich möchte keine Sprache verwenden, in der solche Taten zwischen Faszination und Abneigung zu einer weiteren Facette einer schillernden Persönlichkeit werden.
Für Gespräche über Kunst bedeutet das aus meiner Sicht, die eigene Zuneigung befragen zu lassen. Niemand muss eine frühere Bewunderung nachträglich leugnen. Aber sie begründet keinen Anspruch darauf, dass belastendes Wissen im Gespräch draußen bleibt. Gerade in einer Community könnten wir darauf achten, ob wir mehr Energie in die Verteidigung unserer Vorlieben stecken als in das Zuhören. Diese Frage lässt sich auch ohne ein pauschales Urteil über jedes einzelne Werk stellen.
Zum hundertsten Geburtstag wäre deshalb eine Erinnerung angemessen, die keine festliche Stimmung herstellen muss. Sie darf unbequem bleiben und dem berühmten Namen weniger Platz einräumen, als ein Jubiläum gewöhnlich verspricht. Meine Aufmerksamkeit gilt dabei Polas Recht auf ihre eigene Geschichte. Ein Kalender liefert den Anlass zum Erinnern. Wem wir dabei zuhören, entscheiden wir selbst.