
Auf einer Anzeigetafel wäre für Selbstwertgefühl kein Feld vorgesehen. Genau darum geht es aber bei der Obdachlosen-WM in Mexiko, die für Januar angekündigt ist: weniger um Tore als darum, etwas zurückzugewinnen, das das Leben auf der Straße genommen hat. Diese kaum bekannte Fußball-WM weckt bei mir Interesse, weil sie die Frage nach dem Gewinnen weit über den Spielstand hinaus öffnet.
Von der Straße ins Nationalteam: In diesen wenigen Worten steckt ein gewaltiger Wechsel der Perspektive. Mich berührt die Vorstellung, als jemand wahrgenommen zu werden, der etwas beitragen kann, auf dessen Mitspielen es ankommt. Darin liegt für mich der besondere Reiz eines Teams. Zugehörigkeit bekommt eine konkrete Aufgabe, einen gemeinsamen Anlass. Ob und wie einzelne Teilnehmende das erleben, möchte ich ihnen allerdings nicht vorwegnehmen.
Gerade deshalb wäre mir eine allzu glatte Erfolgsgeschichte unangenehm. Ein Turnier sollte nicht die Erwartung auslösen, danach müsse ein Leben wieder in Ordnung sein. Wer mitspielt, schuldet dem Publikum weder eine wundersame Verwandlung noch eine dankbare Bilanz. Ich finde die Idee dieser WM auch dann wertvoll, wenn ihre Bedeutung für jeden Menschen anders ausfällt und manches offenbleibt. Hoffnung braucht für mich keinen garantierten Ausgang.
Dabei darf der Fußball ruhig Fußball bleiben. Ich würde den Beteiligten wünschen, dass auch Ehrgeiz, Ärger über einen Fehler und Freude an einem gelungenen Spiel Platz haben. Mitgefühl allein wäre mir als Zuschauerhaltung zu wenig. Wer Menschen ausschließlich wegen ihrer schwierigen Lebenssituation betrachtet, lässt ihren Fähigkeiten und Eigenheiten kaum Raum. Auch wir als Community könnten darauf achten, welche Fragen wir stellen und welche Geschichten wir zu hören erwarten.
An dieser WM interessiert mich deshalb besonders, ob wir unsere Aufmerksamkeit vom Ergebnis lösen können, ohne das Spiel geringzuschätzen. Tore dürfen gefeiert werden. Selbstwert sollte davon unabhängig sein. Die schönste Konsequenz wäre für mich ein Blick, der auch außerhalb des Spielfelds trägt: Niemand muss erst ein Nationaltrikot anziehen, um Respekt zu verdienen.
Quelle: Fußball-WM der Obdachlosen – Von der Straße ins Nationalteam