
2.05 Uhr MESZ: Für einen Jahreszeitenwechsel ist das eine herrlich unspektakuläre Uhrzeit. Am frühen Mittwochmorgen kreuzt die Sonne den Himmelsäquator von Nord nach Süd. Damit beginnt auf der Nordhalbkugel astronomisch der Herbst. Mir gefällt diese nüchterne Präzision. Zwischen all den Gefühlen, die das Wort Herbst auslösen kann, steht plötzlich eine genaue Angabe. Sie legt den Beginn einer Jahreszeit fest, lässt unsere Stimmung dazu aber erfreulicherweise offen.
Den eigentlich spannenden Teil liefert für mich die Südhalbkugel: Dort beginnt gleichzeitig der Frühling. Derselbe astronomische Vorgang, zwei gegensätzliche Jahreszeiten. Das nimmt unserem hiesigen Herbst ein bisschen die große Bühne. Wer jetzt gedanklich die ganze Welt in herbstliche Farben taucht, darf das Bild also ruhig noch einmal aufziehen. Unser Ausschnitt ist eben nur ein Ausschnitt – und gerade dadurch wird die Sache interessanter.
Bei uns werden die Nächte länger als die Tage. Das ist eine konkrete Veränderung, die durchaus Raum im eigenen Denken bekommen darf. Ich halte allerdings wenig davon, daraus gleich eine vorgeschriebene Herbststimmung abzuleiten. Gemütlichkeit, Wehmut, Vorfreude auf ruhigere Stunden: Als persönliche Empfindungen haben sie ihren Platz. Als Pflichtprogramm zu einer Jahreszeit wären sie mir zu eng. Auch ein astronomisch exakter Beginn verlangt keine pünktliche Gefühlsumstellung.
Für unsere Community fände ich deshalb einen Herbstauftakt schön, bei dem unterschiedliche Reaktionen nebeneinanderstehen dürfen. Man kann längere Nächte mögen oder ihnen wenig abgewinnen. Mich reizt vor allem der Perspektivwechsel: Während wir über den Herbst sprechen, beginnt anderswo der Frühling. Diesen Gedanken würde ich gern mitnehmen, weil er die eigene Wahrnehmung erweitert, ohne sie kleinzureden.
Die Uhrzeit macht diesen Wechsel präzise; der Blick auf beide Erdhalbkugeln macht ihn für mich bemerkenswert. So betrachtet steckt im Herbstbeginn mehr als ein Anlass für die nächste Stimmungskulisse. Er bietet eine kleine Übung darin, den eigenen Standort mitzudenken. Unser Herbst darf sich groß anfühlen. Er muss deshalb noch lange nicht die Jahreszeit der ganzen Welt sein.
Quelle: Der astronomische Herbstbeginn