
Eine Kunstschule lässt sich gründen. Eine künstlerische Richtung lässt sich deshalb noch lange nicht heimisch machen. Am 6. November 1876 entsteht in Japan die erste staatliche Kunstschule, die Kōbu Bijutsu Gakkō – mit Künstlern aus Italien. Schon diese Konstellation finde ich spannend: eine staatliche Einrichtung, ein europäisches Vorbild und die Hoffnung, Malerei über kulturelle Grenzen hinweg zu vermitteln. Die Schule existiert allerdings nur wenige Jahre. Der Versuch, Malerei nach europäischem Stil zu importieren, scheitert aus verschiedenen Gründen.
Mich beschäftigt daran weniger das kurze Bestehen als die Vorstellung vom Import. Bei Waren klingt das Wort selbstverständlich, bei Kunst bekommt es etwas eigentümlich Technisches. Als könnte man mit einer Malweise zugleich ihre Bedeutung übertragen. Für mich steckt hier die interessante Spannung: Künstlerische Verfahren können gelehrt werden. Was Menschen darin sehen, was sie daran reizt oder warum sie diese ablehnen, lässt sich kaum ebenso zuverlässig organisieren.
Das ist keine Erklärung für das Ende dieser Schule. Die knappen Angaben erlauben weder eine Gewichtung der Gründe noch ein Urteil über die Beteiligten. Gerade deshalb möchte ich aus der Geschichte keine bequeme Lektion über einen vermeintlich unmöglichen Austausch zwischen Kulturen machen. Dass ein konkreter Versuch scheitert, beweist für mich nicht, dass seine Grundidee falsch war. Umgekehrt macht die Offenheit für fremde Einflüsse ein Vorhaben noch nicht automatisch tragfähig.
Auch das Wort „gescheitert“ verdient einen zweiten Blick. Für eine Schule, die nach wenigen Jahren wieder endet, liegt es nahe. Als abschließendes Urteil über ein künstlerisches Experiment erscheint es mir trotzdem zu grob. Ich würde zwischen dem Fortbestehen einer Institution und dem Wert ihrer Fragen unterscheiden. Ob aus dieser Schule etwas weiterwirkte, erfahren wir hier nicht. Aber die Frage, wie viel sich an Kunst überhaupt übertragen lässt, bleibt für mich reizvoll.
Für eine Community ist das ein guter Gesprächsanlass: Wann empfinden wir ein fremdes Vorbild als Bereicherung, wann als zu enge Vorgabe? Ich halte Neugier auf andere Ausdrucksformen für unverzichtbar – und die Freiheit, daraus etwas Eigenes zu machen, ebenso. Die kurze Geschichte der Kōbu Bijutsu Gakkō lässt mich deshalb bei einer offenen Frage stehen: Was müsste eine Kunstschule ermöglichen, damit aus dem Lernen einer fremden Malweise eine eigene künstlerische Entscheidung wird?