
Baufacharbeiter mit Abitur, Möbelpacker, Hotelportier: Bei Thomas Brussig stehen vor der Literatur Berufe, die zunächst nach ganz anderen Geschichten klingen. Aber warum eigentlich? Mich interessiert an dieser Aufzählung vor allem die Erwartung, die darin sichtbar wird. Als müsste ein Schriftstellerleben schon früh nach Schreibtisch aussehen. Ich finde den Gedanken reizvoll, dass ein Lebenslauf keine Bewerbung für das spätere Werk sein muss.
Natürlich erklären solche Stationen noch kein Buch. Aus dem Möbelpacken folgt ebenso wenig automatisch literarisches Talent wie aus dem Abitur. Es wäre mir zu bequem, körperliche Arbeit nachträglich zur idealen Schreibschule zu verklären. Trotzdem steckt in diesem Nebeneinander eine schöne Irritation: Unsere Vorstellungen davon, welche Tätigkeiten zusammenpassen, sind manchmal erstaunlich eng. Literatur darf diese Ordnung für meinen Geschmack gern durcheinanderbringen.
„Schreib das Buch, das du selber brauchst“: Diesen Satz lese ich als Einladung, zunächst auf die eigene Dringlichkeit zu hören. Welche Frage lässt einen nicht los? Welche Geschichte fehlt einem? Das klingt für mich hilfreicher als der Versuch, schon vor dem ersten Absatz ein vermeintliches Publikum zufriedenzustellen. Ein persönlicher Ausgangspunkt garantiert allerdings weder ein gutes Buch noch interessierte Leser. Er gibt dem Schreiben erst einmal eine Richtung.
Über Brussigs konkreten Grund, sich fürs Schreiben zu entscheiden, verraten die vorliegenden Angaben nichts Näheres. Er wird lediglich als zunächst skurril, dann nachvollziehbar angekündigt. Diese Leerstelle möchte ich nicht mit einer hübschen Ursprungsgeschichte füllen. Gerade bei kreativen Entscheidungen erscheint mir der Wunsch nach einer runden Erklärung ohnehin verdächtig bequem: Muss eine Entscheidung rückblickend wie ein sauber vorbereiteter Karriereplan wirken, damit wir sie ernst nehmen?
Für unsere Community finde ich deshalb eine andere Frage spannender: Welches Buch würdet ihr selbst brauchen? Vielleicht eines, das einer vertrauten Gewissheit widerspricht. Vielleicht eines, das etwas schwer Aussprechbares endlich in Worte fasst. Die Antwort muss noch kein Schreibprojekt werden. Aber sie könnte zeigen, was uns beim Lesen fehlt. Und dafür braucht niemand einen Lebenslauf, auf dem schon überall „Literatur“ steht.