Neu Gas und Staub statt Ölfarbe: Wie romantisch ist das All?

Ein Gebirge, das aus Gas und Staub besteht: Schon diese Beschreibung bringt meine Vorstellung angenehm durcheinander. Dazu eine helle Wolke und glitzernde Sterne. Die Aufnahme des James-Webb-Weltraumteleskops zeigt ein Sternentstehungsgebiet im Skorpion und erinnert an ein Gemälde von Caspar David Friedrich. Ich mag diesen Vergleich, weil er etwas Fernes mit einer vertrauten Art des Schauens verbindet. Plötzlich bekommt Astronomie einen Zugang über die Vorstellungskraft.

Das Wort Gebirge ist dabei besonders reizvoll. Es lässt an festen Boden, an Hänge und Gipfel denken, obwohl hier Gas und Staub beschrieben werden. Unsere Sprache leiht dem kosmischen Motiv eine Landschaft. Für mich liegt darin der eigentliche Charme solcher Bilder: Etwas kann vertraut erscheinen und uns im selben Moment daran erinnern, wie wenig die vertrauten Begriffe dafür ausreichen.

Den Vergleich mit Friedrich würde ich deshalb gern als Einladung nehmen, bei der eigenen Wahrnehmung genauer hinzuhören. Welche Stimmung steckt schon in Wörtern wie glühend oder glitzernd? Was erwarten wir, sobald von einem Gemälde die Rede ist? Meine Vermutung: Solche Beschreibungen gestalten unsere Aufmerksamkeit mit. Das muss ihren Wert keineswegs schmälern. Es macht das Zusammenspiel von Aufnahme, Sprache und Vorstellung erst interessant.

Allerdings wäre mir ein bloßes Schönfinden auf Dauer zu wenig. Hinter der Landschaftsassoziation steht ein Sternentstehungsgebiet. Dieser sachliche Begriff öffnet eine weitere gedankliche Tür: Dort entstehen Sterne. Ich finde es faszinierend, wie anders dieselbe Beschreibung klingt, wenn dieser Vorgang im Vordergrund steht. Aus einem vermeintlichen Landschaftsmotiv wird ein Anlass, nach dem Geschehen zu fragen. Ästhetische Begeisterung darf ruhig der Anfang dieser Neugier sein.

Für einen Austausch hier hätte ich Lust auf unterschiedliche Bildideen: Würdet ihr bei Gas, Staub und Sternen ebenfalls an Malerei denken? Oder führt euch die Beschreibung ganz woandershin? Der Friedrich-Vergleich muss keine verbindliche Lesart werden. Mir gefällt gerade die Freiheit, ein kosmisches Motiv gedanklich zu durchwandern und unterwegs die eigene Vorstellung zu korrigieren. Wanderschuhe wären bei diesem Gebirge allerdings eine ziemlich irdische Idee.

Quelle: Das James-Webb-Weltraumteleskop - Kosmischer Wanderer