Neu Spät gelesen, mehrfach verhaftet: Wie wir Sabahattin Ali gerecht werden

1940 erschien „Die Madonna im Pelzmantel“, doch in Deutschland fand der Roman erst spät Beachtung. An diesem Abstand bleibe ich hängen. Er erinnert mich daran, wie wenig der Zeitpunkt öffentlicher Aufmerksamkeit über den Wert eines Buches aussagt. Bei Sabahattin Ali möchte ich deshalb genauer hinsehen: auf einen Schriftsteller, dessen Lebensgeschichte neugierig macht, aber auch die Gefahr birgt, sein Werk zu überschatten.

Ali wurde als Atatürk-Kritiker mehrmals verhaftet. Auf seiner Flucht aus der Türkei starb er unter mysteriösen Umständen in Bulgarien. Schon diese wenigen Angaben haben ein Gewicht, neben dem ein Romantitel beinahe leise wirkt. Gerade deshalb halte ich Zurückhaltung für angebracht. Die ungeklärten Umstände seines Todes sollten nicht zum aufregenden Aufhänger werden, der alles andere verschluckt. Was offen ist, muss offen bleiben dürfen, auch wenn eine eindeutige Geschichte bequemer zu erzählen wäre.

Die Bezeichnung als Außenseiter in Istanbul wie in Berlin bietet einen weiteren Zugang. Für mich steckt darin allerdings auch eine Versuchung: Aus einem Menschen lässt sich schnell die romantische Figur des nirgends zugehörigen Schriftstellers machen. Mehrfache Verhaftungen verlieren in einer solchen Betrachtung leicht ihre Härte. Politische Verfolgung ist kein literarischer Schmuck, und ein schwieriges Leben macht ein Buch nicht automatisch bedeutend. Beides verdient eine Auseinandersetzung, die sich mit einem Etikett nicht zufriedengibt.

Auch die späte deutsche Aufmerksamkeit würde ich ungern als versöhnlichen Schluss behandeln. Spätere Beachtung kann frühere Verfolgung nicht ausgleichen. Sie eröffnet immerhin die Möglichkeit, das Werk heute wahrzunehmen. Für unsere Gespräche über Literatur wünsche ich mir dabei mehr Geduld: Eine Biografie darf der Anlass sein, ein Buch aufzuschlagen. Anschließend sollte aber auch Raum dafür entstehen, über seine Sprache, seine Figuren und die eigene Lektüre zu sprechen.

Mein Interesse gilt genau diesem Übergang von der Lebensgeschichte zum Text. Über den Roman selbst verraten die vorliegenden Angaben wenig; ein Urteil darüber wäre voreilig. Umso überzeugender erscheint mir eine Haltung, die Neugier mit Bescheidenheit verbindet. Sabahattin Ali gerecht zu werden, hieße für mich, seine Verfolgung ernst zu nehmen und seinem Schreiben eigene Aufmerksamkeit zu geben. Der Schriftsteller verdient mehr als die Rolle der tragischen Hauptfigur seiner Biografie.

Quelle: Schriftsteller Sabahattin Ali – Außenseiter in Istanbul wie in Berlin