
Eine Familiengeschichte bekommt eine andere Nähe, sobald sie die Frage berührt: Was hat das mit mir zu tun? Die Großmutter der Moderatorin Peggy Patzschke flüchtete 1945 aus Schlesien. Als erwachsene Frau stellte Patzschke fest, dass ein Teil des Traumas auch in ihr steckt. Sie schrieb ein Buch über die Geschichte ihrer Großmutter und lernte dabei viel über sich selbst. An dieser Verbindung von fremdem Erleben und eigener Selbsterkenntnis bleibt mein Interesse hängen.
Mit dem Ausdruck „geerbtes Trauma“ möchte ich behutsam umgehen. Er klingt beinahe so, als ließe sich eine seelische Last eindeutig zuordnen und weiterreichen. Patzschkes Geschichte weckt bei mir jedoch vor allem Fragen: Wie schaut man auf das eigene Leben, wenn die Vergangenheit der Großmutter darin eine Bedeutung bekommt? Was versteht man dadurch neu? Eine fertige Erklärung für einen ganzen Menschen würde ich daraus jedenfalls nicht machen.
Dass Patzschke sich schreibend mit ihrer Großmutter beschäftigt hat, spricht mich besonders an. Ich sehe darin eine Hinwendung zu einem Menschen, dessen Geschichte zugleich Teil der eigenen Herkunft ist. Dabei interessiert mich das Spannungsverhältnis: Die Großmutter verdient Aufmerksamkeit für ihr eigenes Leben. Die Enkelin darf danach fragen, was dieses Leben mit ihrem zu tun hat. Beiden Perspektiven Raum zu geben, erscheint mir anspruchsvoll und lohnend.
Für Gespräche in unserer Community wäre mir deshalb ein vorsichtiger Ton lieb. Niemand sollte seine Familiengeschichte offenlegen müssen, um verstanden zu werden. Wer davon erzählen möchte, verdient Zuhörer, die mit schnellen Deutungen warten können. Ich möchte weder jede persönliche Schwierigkeit auf frühere Generationen zurückführen noch die Beschäftigung mit ihnen als rückwärtsgewandt abtun. Wie viel Nähe jemand zu dieser Vergangenheit sucht, sollte ihm selbst überlassen bleiben.
Patzschkes Arbeit an der Geschichte ihrer Großmutter macht mich neugierig auf das, was zwischen Erinnern und Verstehen liegt. Besonders wertvoll erscheint mir die Bereitschaft, das eigene Selbstbild noch einmal zu befragen. Vielleicht wäre das auch ein guter Anfang für ein Familiengespräch: eine offene Frage stellen und der Antwort Zeit lassen.
Quelle: Moderatorin Peggy Patzschke - Das geerbte Trauma der Großmutter