

Eine idyllische Kinderbuchwelt kann Geborgenheit versprechen. Bei Pu dem Bären und seinem Menschenfreund Christopher Robin hat sie Generationen geprägt. Zum hundertsten Geburtstag des Buches gehört allerdings auch eine Geschichte, die sich schwer mit dieser Idylle versöhnen lässt: Der echte Christopher Robin litt zeitlebens darunter, dass sein Vater ihn zur Buchfigur machte. Für mich verändert dieses Wissen den Blick auf den Klassiker. Neben der vertrauten Wärme steht plötzlich die Frage, was sie den Menschen gekostet hat, der darin verewigt wurde.
Gerade das Wort „verewigen“ klingt meist nach einem Geschenk. Wer möchte nicht liebevoll in einer Geschichte vorkommen? Ich finde, darin steckt eine ziemlich erwachsene Vorstellung davon, was ein Kind glücklich machen sollte. Eine literarische Figur bleibt verfügbar, wiedererkennbar, auf ihre Rolle festgelegt. Ein Mensch braucht dagegen die Möglichkeit, sich zu verändern und selbst zu bestimmen, wie er gesehen werden möchte. Dass beides denselben Namen trägt, macht es noch lange nicht zu derselben Sache.
Müssen wir deshalb die Zuneigung zu Pu dem Bären aufgeben? Meiner Meinung nach wäre das eine zu einfache Antwort. Die Bedeutung, die diese Bücher für Generationen haben, verschwindet durch Christopher Robins Leid nicht. Sein Leid verschwindet aber ebenso wenig hinter dieser Bedeutung. Beides auszuhalten scheint mir ein ehrlicherer Umgang mit einem geliebten Werk, als die schöne Geschichte gegen die schwierige aufzurechnen.
Für eine Community, die Kultur miteinander teilt, liegt darin ein spannender Gesprächsanlass: Wie sprechen wir über Bücher, deren Entstehung für einen beteiligten Menschen schmerzhaft war? Ich wünsche mir dabei weniger den schnellen Freispruch oder das endgültige Urteil. Interessanter finde ich, ob unsere Begeisterung Platz für einen Menschen lässt, der die Geschichte anders erfahren hat als ihr Publikum. Liebe zu einem Buch muss für mich keine Pflicht sein, alles daran schön zu finden.
Hundert Jahre nach dem Erscheinen darf Pu der Bär also ruhig Anlass zur Freude bleiben. Ich würde dem Jubiläum nur einen stilleren Gedanken zur Seite stellen: In einer Geschichte weiterzuleben ist nicht automatisch ein Glück. Vielleicht liegt die angemessene Würdigung diesmal darin, Christopher Robin gedanklich aus der Buchwelt heraustreten zu lassen. Die Figur gehört zur Lektüre. Der Mensch verdient einen Blick, der über sie hinausgeht.