Neu Vor dem Papst widersprechen: Theresa Kane wollte alle Ämter für Frauen

Das entscheidende Wort ist für mich „alle“. Theresa Kane forderte, dass Frauen in der katholischen Kirche sämtliche Ämter offenstehen sollten. 1979 nutzte die Ordensfrau dafür einen besonderen Moment: Papst Johannes Paul II. sprach in Washington vor Tausenden Ordensfrauen. Kane brachte ihren Anspruch unmittelbar gegenüber dem Papst vor. Allein diese Konstellation hat Wucht: Eine Frau spricht dort über Gleichberechtigung, wo kirchliche Autorität höchstpersönlich anwesend ist.

An ihrer Forderung überzeugt mich die Klarheit. Über einzelne Ausnahmen lässt sich reden, ohne die grundsätzliche Verteilung von Macht anzutasten. Wer alle Ämter öffnen will, stellt dagegen die Frage, nach welchen Maßstäben Verantwortung überhaupt vergeben werden soll. Ich halte das für einen berechtigten Anspruch. Das Geschlecht sollte aus meiner Sicht kein Grund sein, einem Menschen den Zugang zu einem Amt zu verwehren.

Bemerkenswert finde ich außerdem, dass Kane als Ordensfrau sprach. Ihr Widerspruch lässt sich für mich als Ausdruck einer Zugehörigkeit verstehen, die Veränderung verlangt. Darin liegt ein anregender Gedanke für jede Gemeinschaft: Verbundenheit kann gerade dadurch sichtbar werden, dass jemand eine unbequeme Forderung ausspricht. Zustimmung allein wäre mir als Maßstab für Loyalität jedenfalls zu dürftig. Eine Gemeinschaft sollte ihren Mitgliedern auch zutrauen, ihre Ordnung infrage zu stellen.

Der Hinweis auf Kanes Geburt vor 90 Jahren gibt Anlass, an diesen Auftritt zu erinnern. Dabei möchte ich beim Respekt vor ihrem Mut nicht stehen bleiben. Eine mutige Person zu würdigen, fällt womöglich leichter, als sich mit ihrem Anliegen auseinanderzusetzen. Mir wäre eine Erinnerung zu bequem, die Kane bewundert und die Forderung nach offenen Ämtern anschließend höflich beiseitelegt. Ihre Entschiedenheit verdient eine ebenso entschiedene inhaltliche Antwort.

Für unser Gespräch darüber würde ich deshalb bei diesem kleinen, anspruchsvollen Wort bleiben: alle. Wer dem zustimmt, sollte erklären können, was Gleichberechtigung verlangt. Wer widerspricht, sollte die Ausschlüsse begründen müssen. Kane hat eine klare Forderung formuliert. Ich wünsche mir eine Debatte, die sich diese Klarheit zutraut – auch dann, wenn es im Raum ungemütlich wird.

Quelle: Ordensfrau Theresa Kane bot dem Papst die Stirn