Neu Für das Klima kämpfen – aber muss dafür das ganze Leben herhalten?

Wie viel darf eine gute Sache von einem Menschen verlangen? Bei Tadzio Müller bekommt diese Frage ein schmerzhaftes Gewicht. Der Klimaaktivist und Mitbegründer des Anti-Kohle-Bündnisses „Ende Gelände“ widmet sein Leben dem Kampf für eine gerechtere Welt. Doch die Politik zieht nicht mit, Klimaziele werden zunehmend verfehlt, Müller fällt in eine Depression. Mich beschäftigt daran besonders das Missverhältnis zwischen persönlichem Einsatz und politischer Handlungsmacht.

Wer sein Leben einem Ziel widmet, kann dessen Erreichen trotzdem nicht allein herbeiführen. Gerade deshalb halte ich die Vorstellung für problematisch, auf ausbleibende politische Fortschritte müsse immer noch mehr persönlicher Einsatz folgen. Mehr kämpfen, mehr aushalten, weiter hoffen: Als Forderung an einen Menschen wäre mir das entschieden zu viel. Politische Verantwortung lässt sich nicht dadurch ersetzen, dass Einzelne ihre Kräfte bis zum Äußersten einsetzen.

Zugleich möchte ich Müllers Depression nicht zur griffigen Botschaft über den Zustand der Klimabewegung machen. Ein Mensch ist kein Stimmungsbarometer, seine Erkrankung kein Argument, mit dem sich eine politische Debatte bequem gewinnen lässt. Für mich verdient seine Situation Aufmerksamkeit, ohne dass daraus sofort eine Geschichte vom endgültigen Scheitern oder vom notwendigen Comeback werden muss. Auch die Erwartung einer ermutigenden Wendung kann eine Zumutung sein.

Für eine Community steckt darin aus meiner Sicht eine ziemlich konkrete Aufgabe: Zugehörigkeit sollte nicht an ununterbrochene Einsatzbereitschaft gebunden sein. Wer für etwas brennt, sollte auch sagen dürfen, dass gerade nichts mehr geht. Ich wünsche mir einen Umgang miteinander, in dem eine Pause weder gerechtfertigt noch durch spätere Höchstleistungen ausgeglichen werden muss. Solidarität überzeugt mich dort, wo sie auch Menschen trägt, die gerade wenig beitragen können.

Am Anliegen einer gerechteren Welt wird für mich dadurch nichts kleiner. Wohl aber an der Erwartung, ein einzelnes Leben müsse dafür vollständig verfügbar sein. Ich finde, wir sollten politischen Einsatz würdigen, ohne Selbstaufgabe zum Ideal zu machen. Wer Verantwortung von der Politik verlangt, darf diese Forderung stehen lassen, auch wenn die eigene Kraft nachlässt. Ein berechtigtes Anliegen verliert seinen Wert nicht, sobald jemand es nicht mehr mit voller Kraft vertreten kann.

Quelle: Tadzio Müller - Ein Klimaaktivist verliert seinen Glauben