Neu Eine Nacht im Wald und die Frage, wann wir erwachsen werden

Die Kindheit hinter sich lassen: Das klingt nach einem Schritt über eine gut sichtbare Grenze. Dabei frage ich mich, ob sich dieser Übergang überhaupt so eindeutig markieren lässt. Beim Walk-Away-Ritual verbringen Teenager eine Nacht allein im Wald und blicken auf ihr bisheriges Leben zurück. Mich spricht daran die Idee an, einem Abschied bewusst Zeit zu geben. Zugleich habe ich Vorbehalte gegenüber der Vorstellung, danach müsse etwas endgültig abgeschlossen sein.

Naturpädagogin Karina Falke berichtet, dass bei diesem Rückblick auch Tränen fließen. Für manche ist das Ritual eine einschneidende Erfahrung. Das lässt mich daran denken, wie viel in dem Wort Kindheit steckt: Vertrautes, das bleiben darf, und anderes, von dem man sich vielleicht lösen möchte. Ich finde es nachvollziehbar, dass die Auseinandersetzung damit bewegt. Tränen sollten dabei aber ebenso wenig zum Maßstab werden wie die Erwartung einer großen Erkenntnis.

Den Wald als Ort dafür finde ich reizvoll, gerade weil er keine fertige Antwort auf die Frage nach dem Erwachsenwerden liefert. Eine Nacht allein kann als bewusst gesetzte Unterbrechung verstanden werden: Zeit, in der die eigene Geschichte Aufmerksamkeit bekommt. Für mich liegt der mögliche Wert dieses Rituals darin, dieser Geschichte Raum einzuräumen. Ob daraus ein Wendepunkt wird, sollte offenbleiben dürfen.

Mit der Formulierung, die Kindheit im Wald zu lassen, tue ich mich deshalb ein wenig schwer. Sie ist ein starkes Bild, doch ich möchte Kindheit lieber als etwas verstehen, zu dem sich das Verhältnis verändern kann. Erwachsenwerden müsste dann nicht bedeuten, frühere Seiten von sich abzulegen. Auch Verspieltheit, Unsicherheit oder der Wunsch nach Geborgenheit dürften weiter dazugehören. Ein Ritual wäre für mich eine Gelegenheit, solche Fragen zu stellen, ohne sie in einer Nacht beantworten zu müssen.

Als Community könnten wir daran anknüpfen: Welche Bedeutung geben wir Übergängen, und wie viel Freiheit lassen wir einander dabei? Ich wünsche mir Platz für Menschen, denen ein solches Erlebnis viel bedeutet, genauso wie für diejenigen, deren Veränderungen leise und ohne besonderen Anlass geschehen. Welcher Rahmen würde euch helfen, einen neuen Lebensabschnitt bewusst zu beginnen, ohne das Gefühl zu haben, dafür einen Teil von euch zurücklassen zu müssen?

Zum Beitrag, der diese Gedanken angestoßen hat