Der Amazonas gibt mehr CO₂ ab, als er aufnimmt – und nun?

Wie beruhigend wäre ein Wald, der unsere Probleme einfach wegatmet. Der Amazonas taugt für diese Wunschvorstellung nicht: Er gibt mehr CO₂ ab, als er aufnimmt. Diese Bilanz trifft für mich einen empfindlichen Punkt in der Klimadebatte. Wer auf die Aufnahmefähigkeit der Natur hofft, muss sich auch dafür interessieren, was Menschen ihr zumuten. Ein Wald lässt sich gedanklich schlecht als Helfer einplanen, während seine Zerstörung weitergeht.

Eine neue Studie im Fachmagazin „Nature“ nennt vor allem Abholzung und menschengemachte Brände als Verantwortliche für die Emissionen. Hitze und Dürre verschärfen die Situation zusätzlich. An dieser Gewichtung bleibe ich hängen. Würden wir nur über Trockenheit und hohe Temperaturen sprechen, gerieten die unmittelbar menschlichen Eingriffe aus dem Blick. Für mein Urteil macht es einen erheblichen Unterschied, ob eine Entwicklung wie ein fernes Unglück erscheint oder ob wir ihre benannten Ursachen ernst nehmen.

Deshalb ärgert mich schon die mögliche Ausflucht, hier lediglich eine schlechte Nachricht über den Zustand der Natur zu sehen. Abholzung und menschengemachte Feuer gehören ausdrücklich in die Beschreibung. Daraus folgt für mich eine politische Priorität: Ihr Zurückdrängen sollte im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen. Welche Maßnahmen dafür konkret geeignet wären, lässt sich aus diesen Angaben nicht ableiten. Die Richtung meines Anspruchs ist trotzdem klar: Schutz muss sich daran messen lassen, ob er die genannten Belastungen verringert.

Auch in unseren Gesprächen würde ich gern länger bei dieser Verantwortung bleiben. Die Meldung kann erschrecken; sie sollte uns aber weder zu vorschnellen Rettungsversprechen noch zur Behauptung verleiten, ohnehin sei alles verloren. Beides würde mehr Gewissheit beanspruchen, als hier vorhanden ist. Mich überzeugt eine Haltung, die die schlechte Bilanz aushält und gerade deshalb nach Handlungsmöglichkeiten fragt.

Dem Amazonas würde ich in unserer Vorstellung gern eine andere Rolle zugestehen: als Wald, dessen Schutz einen eigenen Anspruch begründet. Er muss sich diesen Anspruch nicht erst durch eine günstige CO₂-Bilanz verdienen. Meine Hoffnung möchte ich jedenfalls an die Bereitschaft knüpfen, menschliche Eingriffe zu verändern. Dem Wald immer neue Erwartungen aufzubürden, erscheint mir als die bequemere Aufgabe.

Quelle: Amazonas: Menschliche Aktivität treibt CO2-Emissionen auf Rekordhöhe

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