Pluto kommt später: Muss eine fertige Suite nachwachsen?

Kann eine Entdeckung ein fertiges Musikstück nachträglich unvollständig machen? Bei Gustav Holsts Suite „Die Planeten“ bekommt diese Frage einen verblüffend konkreten Anlass: 1930 wurde Pluto entdeckt, später ergänzte der Komponist Colin Matthews das Werk um Pluto. Mich amüsiert der Gedanke, dass der Himmel einer Komposition gewissermaßen noch etwas hinterherschickt. Zugleich regt sich Widerspruch: Muss Kunst wirklich mit jeder Erweiterung unseres Wissens Schritt halten?

Mein erster Impuls lautet: Ein Werk darf fertig bleiben. Holsts Planetenmusik verliert für mich durch einen später entdeckten Himmelskörper nicht ihren Anspruch, als eigenständige künstlerische Arbeit betrachtet zu werden. Die Forderung nach Vollständigkeit scheint mir hier ein seltsamer Maßstab. Als müsste eine musikalische Idee jederzeit Auskunft darüber geben können, ob ihr Gegenstand inzwischen Zuwachs bekommen hat. Ich würde ihr lieber zugestehen, den Wissensstand ihrer Entstehungszeit hinter sich behalten zu dürfen.

Trotzdem hat Matthews’ Ergänzung einen Reiz. Da nimmt jemand den nachträglichen Zuwachs zum Anlass, selbst zu komponieren. Darin sehe ich eine Möglichkeit, mit einem vorhandenen Werk ins Gespräch zu treten. Über das musikalische Gelingen kann ich aus diesen Angaben nichts sagen. Die Idee interessiert mich aber gerade deshalb, weil sie eine eigene Entscheidung verlangt: Wie möchte man etwas fortführen, das bereits eine Gestalt hat?

Für mich dürfen beide Haltungen nebeneinander bestehen: die Zuneigung zum abgeschlossenen Werk und die Neugier auf seine Erweiterung. Eine Ergänzung würde ich danach beurteilen wollen, was sie musikalisch eröffnet. Das bloße Abhaken eines weiteren Planetennamens wäre mir als Begründung zu wenig. Umgekehrt erschiene mir ein grundsätzliches Verbot des Weiterkomponierens unnötig streng. Auch Bewunderung darf schöpferisch werden.

Für eine Hörrunde in unserer Community wäre das eine schöne Streitfrage: Wann empfindet ihr eine Ergänzung als Bereicherung, wann möchtet ihr lieber beim ursprünglichen Schluss bleiben? Meine Sympathie gilt zunächst der Freiheit, beides auszuprobieren. Pluto bringt dafür einen charmanten Anlass mit: Er kam erst später ins bekannte Himmelsinventar. Ob er deshalb auch musikalisch das letzte Wort bekommen sollte, entscheiden meine Ohren.

Quelle: Holst, die Planetenmusik – und der späte Pluto

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