Wissen war gefragt, Freiheit nicht: Raketenexperten aus dem Harz
Bergfunk
Raumfahrt: Das Wort lenkt den Blick nach oben. Bei dieser Geschichte möchte ich ihn zunächst auf die Menschen richten. Vor 80 Jahren mussten rund 150 Raketenexperten aus Bleicherode am Harz in die Sowjetunion reisen. Ihr Wissen sollte dort der Entwicklung eigener Raumfahrtprojekte dienen. Für mich steckt darin ein bitterer Gegensatz: Technische Möglichkeiten sollten wachsen, während die Fachleute über ihren eigenen Weg nicht frei entscheiden konnten.
Besonders hängen bleibt bei mir das Wort „Experten“. Es bezeichnet ihre Qualifikation und lässt zugleich vieles außerhalb des Blickfelds. Wer Menschen vor allem als Träger nützlichen Wissens betrachtet, läuft aus meiner Sicht Gefahr, ihre Selbstbestimmung zur Nebensache zu machen. Gerade deshalb ist „Verschleppung“ hier der entscheidende Begriff. Er verhindert, dass aus einer erzwungenen Reise in unserer Vorstellung bloß ein Ortswechsel für die Forschung wird.
Das Interesse am Wissen dieser Ingenieure ist der ausdrücklich genannte Zweck: Die Sowjetunion wollte es für eigene Raumfahrtprojekte nutzen. Welche Ergebnisse daraus entstanden, erfahren wir aus diesen knappen Angaben nicht. Ich finde diese Grenze wichtig. Wir müssen keine späteren Erfolge hinzuerzählen, um die Geschichte bedeutsam zu finden. Schon die Frage, wie über Menschen verfügt wurde, verdient Aufmerksamkeit für sich.
Für unseren Blick auf Wissenschaftsgeschichte wünsche ich mir deshalb mehr als die Faszination für technische Fähigkeiten. Mich interessiert auch, unter welchen Bedingungen Wissen seinen Ort wechselt und wer darüber bestimmen darf. Ein Vorhaben mit dem Ziel Raumfahrt erhält für mich keinen moralischen Freibrief durch seine technische Ambition. Die Aussicht auf neue Möglichkeiten beantwortet noch nicht die Frage, ob der Weg dorthin vertretbar ist.
Bleicherode am Harz und die Sowjetunion: Zwischen diesen beiden Orten liegt in dieser Geschichte eine Reise unter Zwang. Das sollte beim Nachdenken über die Raketenexperten im Mittelpunkt bleiben. Vielleicht lohnt es sich, das vertraute Bild vom Aufbruch ins All einmal umzudrehen: zuerst auf die Freiheit der Menschen schauen, dann auf die Reichweite ihrer Technik.