Gleiche Wehrpflicht, alte Klischees: Was Norwegens Kasernen zeigen

Eine Uniform beantwortet noch keine Gleichberechtigungsfrage. Norwegen hat seit 2015 die Wehrpflicht für alle, Frauen machen ein Drittel der Streitkräfte aus. Das klingt nach einer deutlichen Veränderung. Trotzdem verschwinden Genderklischees und sexuelle Gewalt damit nicht automatisch. Genau an dieser Spannung bleibe ich hängen: Eine gemeinsame Pflicht lässt sich festlegen. Respekt im täglichen Umgang braucht offenbar mehr als eine veränderte Zusammensetzung der Truppe.

Ich finde den Anspruch gleicher Verpflichtungen durchaus nachvollziehbar. Er reicht mir als Vorstellung von Gleichberechtigung aber nicht aus. Wer Menschen zum Dienst verpflichtet, trägt aus meiner Sicht eine besondere Verantwortung für die Bedingungen dieses Dienstes. Dazu würde ich wirksamen Schutz vor sexueller Gewalt ebenso zählen wie die Selbstverständlichkeit, dass Fähigkeiten unabhängig vom Geschlecht beurteilt werden. Beides sollte zum grundlegenden Anspruch an eine solche Institution gehören.

Nur wenige Rekrutinnen streben eine militärische Karriere an. Diese Angabe verführt zu schnellen Erklärungen: Liegt es an den Erfahrungen im Dienst, an anderen Berufswünschen, an fehlenden Perspektiven? Darüber wissen wir hier zu wenig. Mir widerstrebt außerdem die Vorstellung, Frauen müssten durch möglichst langes Bleiben den Erfolg der Gleichberechtigung bestätigen. Eine freie Berufsentscheidung darf auch aus der Kaserne hinausführen. Entscheidend wäre, unter welchen Bedingungen sie getroffen wird.

Für unsere Debatte würde ich deshalb gern genauer zwischen Beteiligung und Zugehörigkeit unterscheiden. Ein Drittel ist eine aussagekräftige Größenordnung für die Präsenz von Frauen. Ob jemand ernst genommen wird, Beschwerden ohne Angst vor Nachteilen vorbringen kann oder faire Entwicklungsmöglichkeiten erhält, beantwortet dieser Anteil allein nicht. Das wären Fragen, an denen ich den Alltag in den Kasernen messen würde. Eine hohe Beteiligung verdient Aufmerksamkeit; sie erledigt die übrigen Fragen nicht.

Mein Wunsch an unser Gespräch wäre, den Rekrutinnen keine Beweislast aufzubürden. Sie müssen weder besondere Härte demonstrieren noch mit ihrer Berufswahl ein gesellschaftliches Modell rechtfertigen. Die Institution muss sich an ihrem Umgang mit ihnen messen lassen. Gleichberechtigung hätte für mich dort Substanz, wo Frauen dazugehören können, ohne ständig als Testfall dafür herhalten zu müssen.

Quelle: Wehrpflicht - Wie läuft es mit der Gleichberechtigung in Norwegens Kasernen?

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