Von Hesse vorgeschlagen, heute vergessen: Wer liest noch le Fort?

Schullektüre, ein Vorschlag für den Nobelpreis, eine Oper nach einer Novelle: Gertrud von le Forts literarische Anerkennung hatte durchaus Gewicht. Hermann Hesse schlug sie für den Nobelpreis vor, Francis Poulenc widmete einer ihrer Novellen eine Oper. Dennoch ist die Autorin 150 Jahre nach ihrer Geburt in Vergessenheit geraten. Diese Fallhöhe irritiert mich. Wie dauerhaft ist ein Platz im literarischen Gedächtnis, wenn selbst solche Formen der Anerkennung ihn offenbar nicht sichern?

Aus früherem Ansehen würde ich allerdings keine Pflicht zur heutigen Bewunderung ableiten. Hesses Urteil macht neugierig; das eigene Lesen kann es niemandem abnehmen. Auch die einstige Schullektüre ist für mich zunächst ein Hinweis auf damalige Bedeutung. Ob ein Text heute berührt, herausfordert oder fremd bleibt, müsste sich erst in der Begegnung mit ihm zeigen. Genau diese offene Prüfung erscheint mir reizvoller als eine feierliche Rückgabe längst vergebener Ehren.

Bei der Beschreibung als religiös geprägte Autorin könnte diese Prüfung schon vor der ersten Seite enden. Ich fände es schade, wenn das Etikett allein über Interesse oder Desinteresse entschiede. Religiöse Literatur sollte sich nach meinem Verständnis auch ohne geteilten Glauben lesen und diskutieren lassen. Umgekehrt verlangt ihre religiöse Prägung keine besondere Schonung. Meine Neugier gilt der Frage, wie Überzeugungen literarische Gestalt annehmen und was eine solche Sprache bei unterschiedlichen Menschen auslöst.

Die Gründe für le Forts Vergessenwerden bleiben in den Angaben offen. Sie kurzerhand der Religion, einem veränderten Geschmack oder ungerechter Auswahl zuzuschreiben, wäre mir zu bequem. Gerade für eine Community liegt hier aber eine produktive Frage: Nach welchen Kriterien schenken wir älteren Büchern Aufmerksamkeit? Prominente Fürsprecher können einen Anstoß geben. Ebenso legitim fände ich die Lust, einer Stimme zu begegnen, die außerhalb der eigenen Vorlieben liegt.

Zum 150. Geburtstag braucht es aus meiner Sicht deshalb keinen vorsorglichen Sockel. Spannender wäre ein gemeinsames Lesen mit ungewissem Ausgang: Begeisterung erlaubt, Widerspruch erwünscht, Ratlosigkeit ebenso. Am Ende dürfte ruhig jemand sagen, dass dieser Text ihm fernbleibt. Dann hätte wenigstens eine Begegnung stattgefunden. Ein aufgeschlagenes Buch wäre mir als Geburtstagsgeste lieber als ein ehrfürchtiges Nicken vor dem Namen.

Quelle: Gertrud von le Fort - Die vergessene Dichterin

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