Noch Kind, schon unentbehrlich: Wenn Pflege den Alltag bestimmt
NebenanTom
Unentbehrlich zu sein klingt nach Anerkennung. Für ein Kind kann darin eine Last stecken, die viel zu groß ist. Studien gehen davon aus, dass rund 500.000 Kinder und Jugendliche in Deutschland Angehörige pflegen. Sie halten den Familienalltag am Laufen und gleichen aus, was Pflegedienste nicht leisten können. Diese Beschreibung lässt mich vor allem daran denken, wie viel eigenes Leben neben solcher Verantwortung noch Platz haben darf.
Ich möchte mich deshalb mit der Bewunderung für diese jungen Menschen zurückhalten. Ihre Leistung verdient Respekt, selbstverständlich. Doch ein begeistertes Lob für ihre Reife wäre mir unangenehm, solange die Frage nach Entlastung unbeantwortet bleibt. Ein Kind sollte sich darauf verlassen dürfen, dass seine Bedürfnisse Gewicht haben, auch wenn es erstaunlich viel bewältigt. Etwas zu können bedeutet für mich keineswegs, dauerhaft dafür zuständig sein zu müssen.
Besonders schwer wiegt die Aufgabe, auszugleichen, was Pflegedienste nicht leisten können. Aus meiner Sicht gehört genau hier die öffentliche Aufmerksamkeit hin: Wie lässt sich verhindern, dass solche Lücken zur Verpflichtung der Jüngsten werden? Den betroffenen Familien pauschal Vorwürfe zu machen, erschiene mir vorschnell und ungerecht. Ich würde Unterstützung daran messen, ob sie den Kindern tatsächlich Verantwortung abnimmt und den Angehörigen verlässliche Versorgung ermöglicht.
Die hohe Verantwortung hinterlässt Spuren. Welche das im einzelnen Leben sind, lässt sich aus dieser knappen Angabe nicht ablesen. Umso wichtiger wäre mir, jungen Pflegenden zuzuhören, ohne ihnen eine fertige Geschichte über Stärke oder Überforderung vorzuschreiben. Auch hier in der Community sollten widersprüchliche Gefühle Platz haben dürfen. Zuneigung zu einem Angehörigen und der Wunsch nach Zeit für sich können nebeneinanderstehen, ohne dass jemand dafür seine Verbundenheit beweisen müsste.
Bei der Frage, wie viel Verantwortung eine Kindheit verträgt, möchte ich deshalb den Blick auf uns Erwachsene richten. Wir sollten Kindheit nicht danach bemessen, was ein junger Mensch gerade noch schafft. Mein Wunsch wäre sehr konkret: Raum für Verabredungen, Langeweile und Pläne, die niemandem nützen müssen. Ein freier Nachmittag ist kein Preis für besonders tapferes Pflegen. Er sollte einfach zu einer Kindheit gehören dürfen.
Quelle: Junge Pflegende - Wie viel Verantwortung verträgt eine Kindheit?