36 Jahre Einheit – warum bleibt der Osten in Chefetagen unterrepräsentiert?

Geduld klingt freundlich. Bei der Unterrepräsentation Ostdeutscher in Führungspositionen erscheint sie mir inzwischen als ziemlich anspruchsvolle Zumutung. Auch 36 Jahre nach der Deutschen Einheit sind Ostdeutsche in den Chefetagen von Unternehmen und Bildungseinrichtungen deutlich unterrepräsentiert. Diese Zeitspanne erklärt noch keine Ursache. Sie macht es für mich aber schwer, sich mit der Hoffnung zufriedenzugeben, das werde sich irgendwann von selbst erledigen.

An Führungspositionen hängt die Möglichkeit, Entscheidungen zu treffen. Deshalb betrifft die Frage, wer dorthin gelangt, aus meiner Sicht mehr als persönliche Karrierewünsche. Ich möchte wissen, wie offen die Wege zu solcher Verantwortung tatsächlich sind. Welche Rolle könnten Auswahlmaßstäbe, Kontakte oder Vorstellungen von einem passenden Lebenslauf spielen? Das wären Punkte, die ich untersuchen würde; als belegte Erklärung für die Unterrepräsentation taugen diese Vermutungen allein nicht.

Dabei habe ich wenig Lust auf eine Debatte, in der Ostdeutsche vor allem ihre Eignung begründen sollen. Wer faire Chancen ernst nimmt, sollte ebenso bereit sein, die Verfahren der Auswahl zu prüfen. Mein Anspruch wäre, nachvollziehbar zu machen, welche Leistungen zählen und wie Menschen überhaupt in den Kreis möglicher Kandidaten gelangen. Eine Herkunft sagt für mich nichts darüber aus, wie gut jemand ein Unternehmen oder eine Bildungseinrichtung führen kann.

Ebenso wichtig ist mir, aus ostdeutscher Herkunft keine gemeinsame Weltanschauung abzuleiten. Niemand sollte mit einer Führungsaufgabe zugleich den Auftrag bekommen, für den gesamten Osten zu sprechen. Mehr Repräsentation würde ich gerade mit der Freiheit verbinden, verschieden sein zu dürfen: in fachlichen Überzeugungen, im Führungsstil und in den eigenen Prioritäten. Zugehörigkeit darf sichtbar werden, ohne einen Menschen vollständig zu erklären.

Für unseren Austausch schlage ich deshalb eine Verschiebung der Aufmerksamkeit vor: Schauen wir auf diejenigen, die Stellen besetzen, und auf die Maßstäbe ihrer Entscheidungen. Dort würde ich mit meinen Fragen anfangen. Den Fortschritt würde ich daran messen, ob Zugänge nachvollziehbarer und Chancen fairer werden. Der nächste Jahrestag der Einheit kommt auch ohne unser Zutun. Offenere Chefetagen sollten wir weniger vertrauensvoll dem Kalender überlassen.

Quelle: Ostdeutsche bleiben in Forschung und Wirtschaft unterrepräsentiert

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