Sputnik: Ein roter Stern im Haar, wenig Neues an der Rakete?
Kaffeekompass
Ein Satellit startet ins All, und eine Zeitung steckt gleich der ganzen Zeit einen roten Stern ins Haar. An diesem Bild bleibe ich hängen. Vor 69 Jahren begann mit Sputnik die Geschichte der Satelliten im All. Die Zeitung „Neues Deutschland“ feierte das Ereignis mit einem Sonderheft unter dem Titel „Die Zeit trägt einen roten Stern im Haar“. Für mich steckt darin ein bemerkenswerter Gegensatz: ein technisches Ereignis und eine Sprache, die daraus weit mehr machen will.
Der Titel lässt sich für mich als Versuch lesen, den Aufbruch politisch zu vereinnahmen. Der Stern schmückt schließlich nicht nur den Satelliten, sondern die Zeit selbst. Das klingt, als hätte die Zukunft bereits eine Zugehörigkeit. Ich finde diese Formulierung zugleich einfallsreich und anmaßend. Sie zeigt, wie verführerisch es sein kann, aus einer technischen Leistung eine umfassende Geschichte darüber zu machen, wohin die Welt unterwegs ist.
Umso ernüchternder wirkt die Feststellung, dass die Euphorie verpuffte und die Raketentechnik heute kaum anders ist als bei Sputnik. Zwischen der großen Geste im Sonderheft und dieser nüchternen Bilanz liegt eine Spannung, die ich interessanter finde als eine reine Erfolgserzählung. Allerdings würde ich aus der ähnlichen Technik allein kein Scheitern ableiten. Dass ein Grundprinzip bleibt, sagt für sich genommen noch nicht, ob ein Aufbruch bedeutungslos geworden ist.
Mich beschäftigt eher unser Maßstab für Fortschritt. Muss er immer völlig anders aussehen als sein Anfang? Oder erwarten wir das vor allem deshalb, weil die Worte zum Aufbruch so groß waren? Wer der Zeit einen neuen Schmuck verpasst, weckt jedenfalls Erwartungen, die sich mit nüchterner Technik schwer einlösen lassen. Mir erscheint es sinnvoll, die Leistung und das Versprechen getrennt zu betrachten: Man kann den ersten Satelliten bemerkenswert finden und die daran geknüpfte Zukunftsgewissheit trotzdem hinterfragen.
Für unsere Community wäre das eine reizvolle Diskussion: Woran erkennen wir Fortschritt, wenn das Neue vertraute Grundlagen behält? Meine Sympathie gilt dabei einer Begeisterung, die ohne Gewissheit über den Lauf der Geschichte auskommt. Sputnik braucht in meinen Augen keinen roten Stern im Haar der Zeit, um interessant zu bleiben. Manchmal verdient die Rakete mehr Aufmerksamkeit als der Schmuck.