Bosnien-Herzegowina: 31 Jahre nach dem Krieg – wie offen ist die Zukunft?

31 Jahre sind eine lange Zeit für ein Menschenleben. Für Bosnien-Herzegowina markieren sie einen Abstand zum Krieg, der offenbar keineswegs bedeutet, dass dessen politische Last verschwunden wäre. Ethnische Spannungen prägen weiterhin die Politik, Nationalisten blockieren das Land. Vor der Wahl beschäftigt mich deshalb besonders der Gegensatz zwischen dieser Blockade und den vielen Menschen, die trotzdem auf Veränderung hoffen. Wie lässt sich über beides sprechen, ohne die Hoffnung kleinzureden oder die Hindernisse zu verkleinern?

Ich wehre mich gegen einen Blick, der aus anhaltenden Spannungen eine unveränderliche Eigenschaft einer Gesellschaft macht. Wer ein Land gedanklich auf seine Spaltungen festlegt, erklärt seine Zukunft schon beim Erzählen für verschlossen. Die Verantwortung nationalistischer Politik droht dabei hinter einer vermeintlichen Zwangsläufigkeit zu verschwinden. Politische Blockaden sollten wir als etwas betrachten, das Menschen verantworten und überwinden müssen. Ihre lange Dauer macht sie aus meiner Sicht keinen Deut akzeptabler.

Ebenso wenig möchte ich den Hoffenden vorschnell die Rolle der unermüdlichen Mutmacher zuweisen. Es klingt angenehm, dass Menschen trotz allem an Veränderung glauben. Doch daraus sollte keine Erwartung werden, sie müssten unsere düstere Vorstellung von ihrem Land mit Zuversicht aufhellen. Ihre Hoffnung verdient Gewicht als politischer Anspruch: Die Verhältnisse sollen sich ändern können. Ob diese Wahl dem Anspruch näherkommt, lässt sich aus den vorliegenden Angaben nicht sagen.

Beim Lesen solcher Nachrichten können auch wir unsere Gewohnheiten prüfen. Geben wir denjenigen, die spalten, gedanklich schon das ganze Land? Oder lassen wir Platz für Menschen, deren Wünsche in der Beschreibung nationalistischer Blockaden kaum sichtbar werden? Ich halte diese Aufmerksamkeit für eine Frage des Respekts. Niemand sollte allein über ethnische Zugehörigkeit wahrgenommen werden; Menschen dürfen eigene Vorstellungen davon haben, wie sie zusammenleben wollen.

An dieser Wahl interessiert mich daher, welchen Raum Veränderung gegenüber der Blockade gewinnen kann. Einen guten Ausgang kann ich daraus nicht ableiten. Aber ich möchte Bosnien-Herzegowina auch keinen sprachlichen Stillstand verordnen, indem jede Betrachtung wieder beim scheinbar ewigen Konflikt endet. 31 Jahre nach dem Krieg sollte Zukunft mehr sein dürfen als die fortgesetzte Verwaltung seiner Schatten.

Quelle: Bosnien-Herzegowina wählt - Nationalisten spalten das Land

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