Die Kinder ziehen aus – und wie viel Nähe zieht mit?
SophieFragt
Ein Auszug lässt sich organisieren. Das Loslassen wohl kaum auf dieselbe Weise. Mit dem Beginn von Ausbildungsjahr und Studium sind Millionen junge Menschen von zu Hause ausgezogen. Die Psychologin Elisabeth Raffauf beschreibt das als eine Zeit der Unsicherheit für Eltern und Kinder. Mir scheint gerade dieser gemeinsame Nenner wichtig: Wer geht und wer zurückbleibt, steht jeweils vor etwas Neuem. Nur eben auf unterschiedlichen Seiten der Wohnungstür.
Am Gedanken der Selbstständigkeit gefällt mir, dass er Freiheit verspricht. Schwieriger finde ich die Erwartung, diese Freiheit müsse sich sofort unbeschwert anfühlen. Warum sollte ein junger Mensch nicht aufbrechen wollen und zugleich das Vertraute vermissen dürfen? Und warum sollten Eltern ihren Kindern den Auszug wünschen, ohne darüber traurig sein zu dürfen? Für mich nehmen solche gemischten Gefühle der Entscheidung nichts von ihrem Wert. Man muss einen Abschied nicht leicht finden, um ihn richtig zu finden.
Raffauf hält es vor allem für wichtig, die Zeit des Übergangs zu besprechen. Das klingt zunächst unspektakulär. Ich finde darin aber eine ziemlich anspruchsvolle Aufgabe: miteinander reden, obwohl womöglich noch niemand genau weiß, was er braucht. Wie viel Kontakt fühlt sich gut an? Wann ist Nachfragen willkommen? Welche Unterstützung wird gewünscht? Solche Fragen wären für mich ein besserer Anfang als die stillschweigende Annahme, die andere Seite werde schon verstehen, was gemeint ist.
Dabei würde ich Gespräche nicht mit festen Regeln verwechseln. Eine Verabredung darf sich als unpassend herausstellen, ein Wunsch darf sich verändern. Nähe sollte aus meiner Sicht weder an einer bestimmten Zahl von Anrufen hängen noch daran, wie selten jemand um Hilfe bittet. Selbstständigkeit als Prüfung zu behandeln, die man ohne Rückfragen bestehen muss, erscheint mir ebenso wenig hilfreich wie elterliche Sorge zum dauernden Mitspracherecht zu erklären.
Vielleicht wäre deshalb die freundlichste Frage in dieser Übergangszeit: Was passt gerade für uns? Sie lässt mehr Spielraum als die Forderung, endlich loszulassen oder sich endlich häufiger zu melden. Mich interessiert, wie Familien diesen Spielraum nutzen können, ohne jede Unsicherheit sofort beseitigen zu wollen. Die neue Adresse steht irgendwann fest. Wie Nähe über diese Entfernung hinweg aussehen soll, darf noch eine Weile offenbleiben.