Mit 100 Marathon laufen – oder heute besser leben?

Mit 100 noch Marathon laufen: An diesem Wunsch bleibe ich hängen. Er klingt nach Lebenslust, aber auch nach einem ziemlich anspruchsvollen Termin im Kalender der fernen Zukunft. Pablo de Falcón will sein Leben bewusst auf Gesundheit, Langlebigkeit und Glück ausrichten. Zuvor gehörten eine eigene Firma, viel Stress und Alkohol auf Firmenevents zu seinem Alltag. Für mich steckt die spannende Frage weniger im Marathon als in diesem Entschluss: Was soll sich ändern, damit sich das Leben besser anfühlt?

Ich finde es sympathisch, die eigene Zukunft ernst zu nehmen. Sich ein möglichst langes, gesundes Leben zu wünschen, braucht keine Rechtfertigung. Auch ein großes sportliches Ziel darf dazugehören. Gleichzeitig macht mich die Vorstellung skeptisch, das hohe Alter schon heute mit einer Leistungsanforderung zu versehen. Muss das hundertjährige Ich wirklich noch eine Ziellinie überqueren? Oder dürfte es auch zufrieden auf einer Bank sitzen und anderen beim Laufen zuschauen?

Gerade die Kombination aus Gesundheit, Länge und Glück verdient für mich Aufmerksamkeit. Diese drei Wünsche sind nicht dasselbe. Ein Leben kann auf möglichst viele Jahre ausgerichtet sein, während die Freude am gegenwärtigen Tag zur Nebensache wird. Das ist keine Aussage darüber, wie de Falcón seinen Weg gestaltet; dafür geben die Angaben zu wenig her. Es ist meine Sorge bei einem Ideal, das aus Selbstfürsorge schnell eine weitere Aufgabe machen könnte.

Den beschriebenen Entschluss zur Veränderung finde ich deshalb interessanter als das spektakuläre Altersziel. Wer Stress und Alkohol im bisherigen Alltag erkennt und anders leben möchte, stellt eine sehr konkrete Frage: Was tut mir gut, und wovon möchte ich weniger? Mir wäre wichtig, dabei auch Platz für Geselligkeit, Genuss und zweckfreie Zeit zu lassen. Glück sollte schließlich nicht erst ausgezahlt werden, wenn sämtliche Gesundheitsziele erreicht sind.

Ob der Marathon mit 100 gelingt, bleibt offen. Als Bild für Hoffnung gefällt er mir; als Messlatte für ein gelungenes Leben wäre er mir zu schmal. Vielleicht lohnt sich für uns die Frage, welches Zukunftsziel uns heute Freude macht und welches bloß neuen Druck erzeugt. Laufschuhe können eine schöne Antwort sein. Sie müssen nur nicht die einzige bleiben.

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