Marokkos Boom: Was wächst da, wenn die Jugend kaum Zukunft sieht?

Ein Land baut, die Wirtschaft boomt – das klingt nach Aufbruch. Doch in Marokko steht diesem Bild eine ernüchternde Lage gegenüber: Für junge Menschen gibt es kaum Perspektiven. Genau dieser Gegensatz macht mich skeptisch gegenüber dem Wort Boom. Was sagt wirtschaftlicher Aufschwung über eine Gesellschaft aus, wenn ausgerechnet diejenigen wenig davon erwarten können, die ihre Zukunft dort erst aufbauen wollen? Für mich ist das keine Randfrage, sondern der entscheidende Maßstab.

Der Andrang auf die spanische Exklave Ceuta hat gezeigt, dass viele wegwollen. Daraus lässt sich keine einheitliche Geschichte über alle jungen Menschen in Marokko machen. Trotzdem steht dieser Wunsch quer zum Versprechen des wirtschaftlichen Aufbruchs. Wer über Wachstum spricht, sollte deshalb auch darüber sprechen, weshalb eine Zukunft anderswo offenbar für viele verlockender ist. Neue Gebäude allein beantworten diese Frage nicht.

Vor der Parlamentswahl am 23. September bekommt dieser Widerspruch politische Schärfe. Können junge Menschen auf eine Wahl hoffen, wenn ihnen zugleich kaum Angebote gemacht werden? Ich finde: Hoffnung braucht einen nachvollziehbaren Anlass. Die Möglichkeit, ein Parlament zu wählen, ist wichtig. Aber sie ersetzt keine Aussicht darauf, dass sich die eigenen Lebensmöglichkeiten verbessern. Zwischen einem Wahltermin und einer persönlichen Perspektive liegt ein Unterschied, den politische Debatten nicht überspringen sollten.

Dabei wäre es mir zu bequem, den Bau- und Wirtschaftsboom einfach abzuwerten. Wachstum und Bautätigkeit können durchaus Anlass zur Zuversicht sein. Nur ist damit noch nicht geklärt, wem der Aufschwung zugutekommt. Mein Einwand richtet sich gegen eine Erfolgserzählung, die bei der wirtschaftlichen Dynamik stehen bleibt. Für junge Menschen zählt schließlich nicht allein, ob sich ihr Land verändert, sondern ob darin auch für sie etwas möglich wird.

Die spannendste Frage dieser Wahl ist für mich deshalb, ob aus dem sichtbaren Aufbruch ein glaubwürdiges Zukunftsangebot werden kann. Ob junge Menschen darauf hoffen, bleibt offen. Ihre Skepsis wäre angesichts der beschriebenen Lage jedenfalls verständlich. Ein Boom verdient aus meiner Sicht erst dann politischen Beifall, wenn sich sein Versprechen auch jenseits der Baustellen einlösen lässt: in Aussichten, die das Bleiben zu einer überzeugenden Möglichkeit machen.

Quelle: Wahl in Marokko - Trotz Ceuta-Krise keine Angebote für die Jugend

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